Jäger und Sammler

Beitrag von Günther Henrich für "unter3",
das Buch des Berliner Presse Club"

Die Sache ist beileibe nichts Neues und die mit ihr verbundenen Probleme sind es auch nicht. Hier der Beweis: Adolph Freiherr von Knigge mahnte bereits 1788, als er über den „Umgang mit Menschen“ nachdachte, zur besonderen Vorsicht im Umgang mit Journalisten: „Sie ziehen durchs Land, um Märchen zu sammeln, die sie nach Gelegenheit Dokumente nennen. Sei behutsam im Reden, wenn ein solcher dich freundlichst besucht. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr System passt, und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen Stoff zu Verketzerungen!“ So also der stets auf Anstand bedachte Freiherr vor jetzt reichlich zweihundert Jahren, und wer wollte bezweifeln, dass an der kritikdurchtränkten Mahnung auch heute noch etwas dran ist: „das sie irgendwo auffangen“. Dieser Halbsatz hat es in sich, denn zu viele waren es, die ihn in der langen Geschichte des Journalismus als Handlungsanleitung begriffen. Und zu viele tun es auch heute noch. Wo die sauber recherchierte Erkenntnis der bloßen Mutmaßung weicht, blüht die Spekulation, locken die Nebenpfade der Phantasie und leidet das Ansehen unseres Berufsstandes. Eine Erkenntnis, die vor allem den politischen Journalismus – und um den soll es hier gehen – dazu bewog, neue, seriösere Wege der Nachrichtenbeschaffung zu beschreiten. Nicht, um die Eigenrecherche, das Aufspüren exklusiver Ereignisse, zu behindern, sondern dieser absolut notwendigen Form journalistischer Arbeit den festen Unterbau zu geben, ohne den die Glaubwürdigkeit insgesamt beschädigt würde und der Konsument letzten Endes alles in Zweifel zöge, was ihm in den Medien angeboten wird. Es verwundert nicht, dass diese Suche nach neuen Wegen besonders im Nachkriegsdeutschland, nach den Jahren diktatorisch verordneter und lückenlos überwachter Informationspolitik, mit allem Nachdruck betrieben wurde und schließlich zum Erfolg führte.

Die Bundespressekonferenz gilt hier als prägnantes Beispiel: Sie drehte den Spieß schlicht um. Die Hauptstadtjournalisten bitten die Sprecher der Bundesregierung regelmäßig zu sich. Die Politik ist bei ihnen zu Gast, und nicht, wie sonst üblich, die Presse bei der Politik. Ein Verfahren, für das es kein Vorläufermodell gab, ein sichtbares Zeichen der Unabhängigkeit der Medien und seit Gründung der Bundesrepublik bis heute praktiziert.
Doch auch hier haben sich die Zeiten geändert. Mitglied der Bundespressekonferenz zu sein, das war (und ist) nicht nur die Anerkennung als hauptberuflich tätiger Hauptstadtkorrespondent, sondern bedeutete auch den Zugang zu dem exklusiven und, wenn es sein musste, auch vertraulichen Nachrichtenstrom, den die Politik nicht zuletzt zum eigenen Vorteil auf den Weg brachte. „Unter 1“ war die Formel für das Recht zur uneingeschränkten Veröffentlichung; „unter 2“ gab grünes Licht für die Informationsweitergabe ohne Quelle; und der Hinweis „unter 3“ gebot strikte Vertraulichkeit. Das Gesagte war gewissermaßen nur im Hinterkopf abzuspeichern.

Dieses Verfahren blieb bis heute gültig. Daneben haben sich allerdings Informationsstränge gebildet, die jedes althergebrachte und geordnete Regelwerk in den Beziehungen zwischen Politik und Journalismus, und mag es noch so sinnvoll sein, mit dem Anschein versehen, es handle sich hier um etwas Überholtes. In den Zeiten des Internets, des stetig wachsenden Informationshungers, der oftmals gnadenlosen Konkurrenz im Medienwesen und des zu Recht immer wieder heftig kritisierten, aber nicht zu leugnenden Häppchenjournalismus ist die Jagd nach der exklusiven Botschaft, nach der Schlagzeile und dem schnell von interessierter Seite hingeworfenen Brocken für mehr Journalisten, sei es geklagt, zum Alltagsgeschäft geworden, als es dem Ansehen der Medien und ihrer Vertreter gut tun könnte. Je mehr sich diese Tendenzen breitmachen, umso mehr lohnt es sich, über Alternativen nachzudenken, über gangbare Wege, die seriöse Recherche zu stärken und das Wissen um die politischen Zusammenhänge aufzunehmen, um sie dann in das zur Weitergabe bestimmte Gesamtbild einzuordnen. Diese Suche ist nichts grundsätzlich Neues, sie gehört gewissermaßen zu den Grunderfordernissen des sich selbst ernst nehmenden Journalismus, aber sie ist zu einer zwingenden Notwendigkeit geworden in einer Zeit, in der das Triviale Triumphe feiert und die flüchtige Kurzinformation offenbar keine Konjunktursorgen hat. Einen Ausweg sah man bereits in Bonner Anfangszeiten in den sogenannten Hintergrundkreisen. Hier und da und dann immer öfter organisierten sich kleinere Korrespondentengruppen, um das vertrauliche Gespräch mit Politikern zu pflegen, sich informieren zu lassen, auch ohne darüber berichten zu dürfen. Eine verführerische Methode im Umgang mit den Informationsgebern: Man fühlte sich exklusiv bedient, gehörte gewissermaßen zum Kreis der Auserwählten und übersah dabei allzu leicht, dass der Gast seine Gunst vornehmlich denen gewährte, von denen er annehmen durfte, dass sie ihm politisch nahe standen. Wer wollte behaupten, dass hier die Grenze zur politischen Kumpanei niemals überschritten würde? Man weiß um diese Gefährdung, die immer dann eintritt, wenn sich Politik und Medien, Geber und Nehmer also, distanzlos begegnen. Die berühmte und zuweilen auch berüchtigte Bonner Nähe hat sich in Berlin nicht nur erhalten, sie ist noch intensiver geworden. Zuweilen hat man den Eindruck, jeder Hinterbänkler im Haus mit der Kuppel sei darauf bedacht, sich seinen Stammjournalisten zu halten nach der Devise: Ich sag Dir was, wenn Du mich nur beim Namen nennst!“
Angesichts dieser Situation lohnt es sich, die Alternative zu beschreiben, die es nach wie vor gibt und die, wenn nicht alle Zeichen trügen, vor einem kräftigen Aufschwung steht. Es ist gewissermaßen die klassische Methode, die seit vielen Jahrzehnten der seriösen Hintergrundinformation dient und die immer noch am besten in der Lage ist, Nähe zu erzeugen, ohne sich allzu nahe zu kommen.

Wenn Journalisten unterschiedlicher Couleur Politiker zu sich einladen, um mit ihnen politische Abläufe im Grundsätzlichen und im Konkreten zu diskutieren, wenn es ihnen gelingt, eine Atmosphäre des Vertrauens aufzubauen und wenn sie gleichzeitig zu verstehen geben, dass Gast und Gastgeber ihre eigenen Rollen besitzen und diese nicht verwischt werden dürfen, dann besteht eine gute Grundvoraussetzung für einen, ja, sagen wir es ruhig, »gediegenen« Informationstransfer, von dem beide Seiten etwas haben. Der Berliner Presse Club steht in dieser Tradition, und er darf sich bescheinigen, seinen Kurs auch dann beibehalten zu haben, als nicht wenige Medienbegleiter nach dem siegreichen Einzug der Elektronik ins journalistische Geschäft meinten, jetzt sei es vorbei mit den herkömmlichen Mitteln der Nachrichtenbeschaffung, jetzt gelte es nur noch, schnell aufzunehmen, schnell umzusetzen und schnell die Themen zu wechseln. Ein Fast-Food-Journalismus, dessen verheerende Folgen täglich zu besichtigen sind. Doch wer genau hinsieht, kann spüren, dass die Gegenströmung stärker wird. In Politik und Journalismus wächst gleichermaßen das Bedürfnis, die Beziehungen zueinander auf eine neue Grundlage zu stellen, den rapiden Verlust an Vertrauen zu stoppen und die weithin verlorengegangene Achtung vor der Rolle des anderen neu zu begründen. Wer es damit ernst meint, muss die Wege wieder freilegen, die zwar arg zugewachsen, aber immer noch sichtbar und, noch wichtiger, begehbar geblieben sind. Die Institutionen des seriösen Journalismus haben, zum Glück, ein zähes Leben. Sie blieben intakt und lassen sich jetzt, nach der Phase des Qualitätsverfalls, dafür einsetzen, die Wende zum Besseren zu schaffen. Das offene, gründliche und vertrauensvolle Hintergrundgespräch dient neben der Information aus erster Hand auch der Selbstprüfung. Wer seinen Gesprächspartner respektiert, hört auch auf dessen Meinung. Im gegenseitigen Geben und Nehmen, im Austausch der Ansichten und der Überprüfung eigener Grundsätze mit dem Ziel, sich unvoreingenommen ein Bild zu machen, liegt eine der Hauptquellen journalistischer Selbstinformation. Diese Quellen sind nie versiegt, aber ihr Strom war schwächer geworden. Jetzt ist die Bereitschaft und damit die Gelegenheit da, sie wieder zum Sprudeln zu bringen. Damit das die Regel bleibt, was der Zeitgenosse des Freiherrn von Knigge, der Dichter der Aufklärung, Christoph Martin Wieland, 1785 im „Teutschen Merkur“ so beschrieb: „Niemand kann sich beleidigt halten, wenn man ihn abschildert, wie er ist. Wo Freiheit ist, muss, wer öffentlich auftritt, sich auch öffentlich behandeln und verhandeln und mitunter auch wohl misshandeln lassen.